druckkopf
• Kontakt     • Impressum     • Datenschutz     • Map     

VOD-Nachrichten


26.04.2017

Erste Promotion in Philosophie zur Osteopathie



Interview mit Osteopath Dr. phil. Albrecht Kaiser, M.Sc. (USA) DO
 
VOD: Herzlichen Glückwunsch, Albrecht: Du hast am 19. April an der Fakultät für Kulturreflexion der Universität Witten-Herdecke als erster Osteopath über die Osteopathie promoviert und bist somit frisch gebackener Doktor der Philosophie! Wie lautet der Titel Deiner Dissertation?
Dr. phil. Albrecht Kaiser: Vielen Dank! Mein Dissertationsthema lautet: „Die Wirklichkeit der Osteopathie. Pragmatistische und phänomenologische Wurzeln einer komplementärmedizinischen Heilmethode. Eine Neubestimmung für das 21. Jahrhundert“.
V.l.: Prof. Dr. Martin Pöttner (Heidelberg), Prof. Marina Fuhrmann (Idstein), Dr. phil. Albrecht Kaiser und Prof. Dr. Matthias Kettner (Witten/Herdecke)
V.l.: Prof. Dr. Martin Pöttner (Heidelberg),
Prof. Marina Fuhrmann (Idstein), Dr. phil. Albrecht Kaiser und Prof. Dr. Matthias Kettner (Witten/Herdecke)
VOD: Warum ist Dir als Osteopath die Philosophie so wichtig?
Dr. phil. Albrecht Kaiser: Fragen zur Philosophie sind mir grundsätzlich wichtig. Aber im Kontext der neuerlebten Osteopathie der letzten 20 - 30 Jahre – solange bin ich schon dabei – ist mir die Verschränkung von Osteopathie und Philosophie besonders wichtig, weil so ein tiefer geistiger Zusammenhang hergestellt werden kann zu jeder Heilkunde. So auch zu unserer osteopathischen Heilpraxis und zur reduktionistischen Schulmedizin.  Das habe ich mit meiner Arbeit ausgeleuchtet und dabei sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Texte der Gründerväter Still und Littlejohn wissenschaftskonstituierend aufbereitet werden, um die Ergebnisse in den Kontext einer phänomenologischen Semiotik zu überführen.
Dr. phil. Albrecht Kaiser (li.) und der Forschungsdekan der Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Peter Heusser.
Dr. phil. Albrecht Kaiser (li.) und der Forschungsdekan der Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Peter Heusser.
VOD: Wie lange hast Du an Deiner Doktorarbeit gearbeitet und wie hast Du die Forschung in Deinen Alltag integriert?
Dr. phil. Albrecht Kaiser: Immatrikuliert am Lehrstuhl bei Prof. Dr. M. Kettner habe ich mich im Dezember 2011 und insgesamt sechs Jahre an der Arbeit gesessen – mit einem sehr strengen Zeitmanagement, bei dem ich fast wöchentlich bis zu zwei Tage aus meiner Praxis raus war, um mich ganz der Arbeit zu widmen. Die Wochenenden nicht mitgerechnet.
 
VOD: Fühlst Du Dich als Vorreiter?
Dr. phil. Albrecht Kaiser: Vorreiter bin ich für diesen spezifischen Aspekt der osteopathischen Perspektive sicherlich: Ich glaube, dies ist die erste philosophische Promotion, die sich mit gewissen ideengeschichtlichen Aspekten der Osteopathie systematisch beschäftigt und an einer philosophischen Fakultät verfasst wurde. Ferner weiß ich aber von anderen praktizierenden Kollegen, international, die auch an vergleichbaren Themen dran sind, aber nicht eine philosophische Promotion hierfür anstreben.
Oben v.li.: Prof. Dr. Matthias Kettner, PD. Dr. Hornemann von Laer
Mitte: Dr. phil. Albrecht Kaiser , Prof. Marina Fuhrmann, Prof. Dr. Martin Pöttner, Prof. Dr. Langhans,
Unten: Karen Kaiser, Mauritius Kaiser
Oben v.li.: Prof. Dr. Matthias Kettner, PD. Dr. Hornemann von Laer
Mitte: Dr. phil. Albrecht Kaiser , Prof. Marina Fuhrmann, Prof. Dr. Martin Pöttner, Prof. Dr. Langhans,
Unten: Karen Kaiser, Mauritius Kaiser
VOD: Stündest Du Kollegen zur Nachahmung zur Seite?
Dr. phil. Albrecht Kaiser: Ja natürlich! Ich bin gerne bereit, meine Erfahrungen der letzten sechs Jahre mit anderen zu teilen, davon lebt gerade die Wissenschaft. Vorausgesetzt, sie wissen, dass sie sehr diszipliniert, kleinschrittig und geduldig – flapsig ausgedrückt „leidensfähig“ –  arbeiten müssen, und das über Jahre. Osteopathische Forschung ist nicht nur das handelnde Ertasten und Reflektieren von „Organischem“ in der täglichen Praxis, sondern auch das denkende Eintauchen in komplexe Texte einer systematischen Wissenschaft von subjektiver Erfahrung und das Erfassen ihrer grundlegenden Strukturen.
V.l.: Karen Kaiser, Dr. phil. Albrecht Kaiser, Prof. Marina Fuhrmann und Prof. Dr. Matthias Kettner.
V.l.: Karen Kaiser, Dr. phil. Albrecht Kaiser, Prof. Marina Fuhrmann und Prof. Dr. Matthias Kettner.
VOD: Gibt es in deiner Arbeit Erkenntnisse, die dich besonders verwundert haben?
Dr. phil. Albrecht Kaiser: Oh ja, beispielsweise diese: Osteopathen sind Meister der taktilen Wahrnehmung sowohl beim Patienten als auch bei sich selbst. Aber es kostest uns viel Mühe, die erfahrene Tastwahrnehmungen so zu versprachlichen, um dies Erleben in eine „Kommunikationsgemeinschaft“ zu überführen. Dies ist jedoch wissenschaftskonstituierend notwendig in der Zukunft, wenn wir als Osteopathen qualitative Forschung ernsthaft vorantreiben wollen. Ich habe das in 26 Interviews mit erfahrenen internationalen Osteopathen/innen untersucht. Die Ergebnisse haben mich anfangs auch sehr verwundert. Anders formuliert: Was bleibt von dem, was wir die Osteopathie nennen, übrig, wenn man nicht nur die technische Wirksamkeit der Osteopathie erforscht, sondern die personal erlebte Praxis-Wirklichkeit gleichermaßen? Und das äußert sich nur über Formen von sprachlicher Verständigung, die in der osteopathischen Lebenswelt aus einem verbal kommunikativen „Zwischen“ entsteht.
Karen und Dr. phil. Albrecht Kaiser
Karen und Dr. phil. Albrecht Kaiser
VOD: Hast Du jetzt Dein Ziel erreicht – oder was folgt nun?
Dr. phil. Albrecht Kaiser: Nein, das Ziel im Nachklang dieser Dissertation ist noch lange nicht erreicht. Solch eine – ich sag‘ mal – abstrakt formulierte Arbeit muss neuerlich übersetzt werden, damit die werten Kollegen/innen Interesse bekommen, das geschmeidig zu lesen – das heißt: umschreiben zu einer Monographie.
Ich wurde von zwei Gutachtern aufgefordert, „an diesem Thema dran zu bleiben“. Die Intensität dessen, was in der Osteopathie philosophisch zu stecken scheint, war auch für zwei der drei Gutachter Neuland. Im Fokus dieser Forschung ständen Fragen zur Sprechweise der Osteopathen untereinander und im öffentlichen Diskurs. Das hat wiederum mit der Reflexionsbereitschaft der Lehrenden zu tun. Darüber hinaus Fragen zur Bedeutung der Gewebe im Feld von zwischenleiblicher Wahrnehmung. O.k, das kann eventuell auf eine Habilitation herauslaufen ... was ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht anstrebe. Nein, ich versuche, das, was ich philosophisch mit der Osteopathie verknüpfe, also die Ergebnisse meiner Arbeit, zu publizieren. Zum einen, wie schon gesagt, als Monographie und zum anderen versuchen ich, der Osteopathie in philosophischen Fachzeitschriften wissenschaftskonstituierend mehr Gehör zu verschaffen. Wenn man es hören will, kann ich darüber auch sprechen. Dass es Gesprächsbedarf hierzu gibt, zeigt die Zunahme dieses Themenkanons bei osteopathischen Kongressen deutlich – und zwar weltweit. Auf jeden Fall kann man gespannt sein, wie später diese Arbeit von den jungen zunehmend akademisierten Osteopathen wirkungsgeschichtlich weitergetragen werden wird. Dass diese Arbeit einen neuerlichen Einstieg in spannende Forschungsfelder der Osteopathie für das 21. Jahrhundert eröffnet, ist Fakt.
Darf ich noch was hinzufügen? Natürlich bin ich mit der Arbeit (auch) promoviert worden – aber es sollte der osteopathischen Gemeinschaft mehrheitlich wichtig erscheinen, dass die Osteopathie nun auf diesem Wege an einer deutschen Universität mit philosophischer Fakultät angekommen ist und ihr auch dort Aufmerksamkeit und Gehör verschafft wird.
 
VOD: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei Deiner weiteren Arbeit!
 

Link: osteopathie.de/n1493220060



Verband der Osteopathen Deutschland e.V. (VOD e.V.)
Untere Albrechtstr. 15 - D-65185 Wiesbaden
Tel. 0611 5808975 0 - Fax 0611 5808975 17
Email gs.wiesbaden@osteopathie.de - www.osteopathie.de